Erdwerke-on-the-move

In Niedersachsen gibt es zur Zeit (2021) insgesamt 32 Erdwerke, deren Datierung in die Jungsteinzeit gesichert ist. Kriterien sind der Luftbildbefund, eine Schnittgrabung oder eine geomagnetische Prospektion. Bei weiteren sieben Anlagen ist die neolithische Entstehungszeit als höchst wahrscheinlich anzusehen. Darüber hinaus sind 16 Grabenanlagen als mögliche Erdwerke einzustufen und 11 weitere nach den oben genannten Kriterien als „eher unwahrscheinlich“. Auch für die als „gesichert neolithisch“ geltenden Anlagen liegt in der Mehrzahl der Fälle keine absolute C14-Datierung vor. (Auswertung und Einschätzung durch Heinz-Dieter Freese)   

Vielleicht gelingt es dem FAN, bei den folgenden vier Objekten eine Klärung herbeizuführen:

Anemolter Fst. 26, Ldkr. Nienburg/Weser

Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat Alexandra Philippi auf die mögliche Bedeutung als neolithisches Erdwerk hingewiesen. Entdecker der Grabenanlage ist Otto Braasch. Sein Foto vom 8. Juli 1992 zeigt in der Nähe eines verlandeten Weserarmes einen Graben mit zwei Durchlässen. Auf einem Luftfoto von Heinz-Dieter Freese sehen wir 27 Jahre später exakt die gleiche Situation.

Foto: H.-D. Freese

Im folgenden Sommer 2020 ist der auffällige Graben nicht zu erkennen, das Getreide ist bereits abgetrocknet. Die benachbarten Felder zeigen dunkelgrüne Grabenverläufe, die aber bestenfalls in westlicher Richtung zu einer Art Ringgraben weiter gedacht werden können.

Foto: H.-D. Freese

Eine erste Begehung im Mai 2019 durch FAN-Mitglied Ronald Reimann erbrachte kleine verrollte Wandscherben urgeschichtlicher Machart und bearbeitete Silexfunde.

Vorschlag: Eine geomagnetische Prospektion könnte mehr Klarheit darüber bringen, ob sich hinter diesen Befunden ein neolithisches Erdwerk oder „nur“ ein Viehgehege der (frühen) Neuzeit verbirgt.

Ubbendorf Fst. 6, Ldkr. Nienburg/Weser

Auf einem Luftfoto vom 25. Juni 2020 erkennen wir einen segmentierten Graben mit 6 Erdbrücken, bzw. Unterbrechungen. Er verläuft leicht bogenförmig über eine Länge von etwa 130 Metern. Der Acker liegt im Urstromtal der Weser 3 km nördlich von Hoya und 30 km nördlich von Wellie! Der eher lineare als abgerundete Verlauf der Grabensegmente ist durchaus nicht ungewöhnlich, es gibt ähnliche Grabenstrukturen in Walmstorf, Ldkr. Uelzen – ein Erdwerk der Trichterbecherkultur.

Foto: H.-D. Freese

Oder handelt sich um eine „fluviatile“ Struktur, die nur den Anschein einer Grabenanlage erweckt? In diesem Falle hätte das Urstromtal mit seinen mäandrierenden Flussläufen die Sande, Kiese und Lehmschichten im Untergrund des Feldes stark „zerzaust“. Wir erkennen vielfältige, wirbelige Bewuchsmerkmale, die auch außerhalb der linearen Struktur den Anschein von kurzen Grabensegmenten erwecken. Vorschlag: Geomagnetische Prospektion.

Vardegötzen Fst. 3, Ldkr. Region Hannover

Die Fundstelle ist dokumentiert durch drei Luftaufnahmen: Otto Braasch am 16. Mai 1991, GoogleEarth am 20.04.2003, sowie durch den amtlichen Messbildflug im April 2019. Alle drei Fotos sind durch Wolkenbildung etc. eingeschränkt, aber es ist dennoch ein Doppelgraben von etwa 300 m Länge gut erkennbar, der den östlichen Teil einer ovalen Fläche umzieht. Der Doppelgraben könnte ein jungsteinzeitliches Erdwerk belegen. Allerdings ist dieser Nachweis nicht eindeutig, wie die nachfolgenden Fotos zeigen.

GoogleEarth

Vorschlag: Suchschnitt durch einen der Gräben.

Exkurs: Doppelgräben in alten Feldsystemen

Es gibt in Niedersachsen vielfach Belege für Doppelgräben in alten Feldsystemen. Die Gräben markieren gegenüber liegende Ackergrenzen und zwischen ihnen verläuft der Fahrweg. Beispiele:

Bahlum, Ldkr. Verden

Trotz der eher schwach ausgeführten Gräben und einem unregelmäßigen Verlauf ist eine Ähnlichkeit mit Vardegötzen unverkennbar.

GoogleEarth

Isernhagen, Ldkr. Region Hannover

Wir erkennen deutlich den sehr schön im Bogen geführten Fahrweg, von dem die Parzellengräben abzweigen.

GoogleEarth

Beppen, Ldkr. Verden

Unter dem heutigen Acker, der maschinell und mit GPS absolut exakt bearbeitet und befahren wird, erscheint ganz klar das vorindustrielle Bild der Landwirtschaft im 19. Jh. Wir erkennen den Feldweg mit einer Abzweigung und die damit verbundenen Ackerfluren, die vor 100 Jahren mit dem Pferd bestellt wurden.

GoogleEarth

Garmissen-Garbolzum, Ldkr. Hildesheim

Bei der Durchsicht des amtlichen Messbildfluges vom April 2019 zeigte sich eine milchige Doppellinie etwa 300 Meter östlich der Ortschaft Garmissen auf einer großflächigen Bodenkuppe.

LGLN: Amtlicher Messbildflug 17.4.2019

Fast wie eine Ortsumgehung umziehen die Linien in einem weiten Halbkreis um die Ortschaft. Breite der Verfärbung ca. 5 m, Abstand 13-15 Meter, optisch sichtbare Länge ca. 280 Meter.

LGLN: Amtlicher Messbildflug 17.4.2019

Es handelt sich um sogenannte „soil-marks“: Helle Erde aus einer alten Grabenverfüllung ist in die obere Pflugschicht gelangt und markiert den Verlauf der Gräben. Die Situation ist vergleichbar mit dem Befund in Vardegötzen: Neolithisches Erdwerk oder neuzeitliche Feldränder.

Vorschlag: Suchschnitt durch einen der Gräben.